Am 23. Mai 2001 standen tausende Fans des Valencia Club de Fútbol mit leeren Gesichtern im San Siro und sahen dem falschen Team beim Feiern zu: Oliver Kahn hatte für den FC Bayern im Elfmeterschießen gerade drei Schüsse entschärft (Endergebnis 5:4 n. E.) und zum Jubellauf angesetzt. Wie schon im Vorjahr, als die Schwarz-Weißen mit 0:3 im Finale an Real Madrid gescheitert waren, hatten sie den Henkelpott um Haaresbreite verpasst.
Knapp 22 Jahre später würde wohl jeder Valencianista die aktuelle Realität gegen die Enttäuschungen von damals eintauschen. Denn mit dem Verein, der 2004 als letztes nicht aus Madrid oder Barcelona stammendes Team die spanische Meisterschaft gewann, hat die Mannschaft in Valencia heute zwar noch das Vereinswappen gemeinsam, ansonsten aber nicht mehr allzu viel. Was ist mit dem glorreichen Traditionsklub geschehen?
Valencias Mahnmal
Nach der jüngsten 0:3‑Pleite bei Atlético Madrid zog das Lokalblatt „Las Provincias“ über die Mannschaft von Trainer Rubén Baraja her: „Man kann auf viele Arten verlieren, doch in Madrid wählten die Valencianistas die schlimmste von allen.“ Weiter hieß es, „ein Valencia-Team ohne Verteidigung“ habe vergessen, sich zu wehren. „Todo mal“, alles schlecht, lautete das Fazit. Die „Marca“ nannte das aktuelle Team „auswärtsschwach wie nie zuvor in der Geschichte“ – bei sage und schreibe null erzielten Auswärtstreffern im Jahr 2023 ist das keine Übertreibung. Die logische Folge ist der drittletzte Tabellenplatz für „Los Che“. Doch der ist nur die Spitze des Eisbergs.
„Das neue, halbfertige Stadion, wo seit 2009 alle Bauarbeiten wegen Geldmangels stillstehen, erhebt sich wie ein Mahnmal in Valencia.“
Ronald Reng – Frankfurter Rundschau
Der erste Akt der valencianischen Tragödie kann wohl am ehesten auf die späten Nullerjahre datiert werden. Weil das „Estadio Mestalla“ trotz seiner historischen Schönheit schon lange als baufällige Bruchbude galt, wurde 2007 der Bau eines neuen Stadions, des „Nou Mestalla“, begonnen. 75.000 Fans sollten darin einmal dem sechsmaligen spanischen Meister zujubeln können, aber schon bald wirbelte die Finanzkrise die Pläne durcheinander: Seit mehr als zehn Jahren steht die Baustelle im Stadtviertel Benicalap still, da der Verein es sich schlicht nicht leisten kann, den Bau fortzusetzen. In der „Frankfurter Rundschau“ schrieb der renommierte Fußballbuchautor Ronald Reng, das halbfertige Stadion erhebe sich wie ein Mahnmal über Valencia.
Die Baustelle „Nou Mestalla“.
imago images
Dieser neue, kurioserweise aber ebenfalls bereits heruntergekommene Betonklotz ist das Symbol für die jahrelange Misswirtschaft in der spanischen Küstenstadt. Die alte Klubführung um Ex-Präsident Manuel Llorente hatte sich mit dem Stadionbau völlig verzettelt, insgesamt knapp 400 Millionen Euro Schulden angehäuft und Valencia zum zwischenzeitlich meistverschuldeten Verein des Landes gemacht. So mussten etliche Stars wie David Villa, David Silva und Jordi Alba verscherbelt werden. Todo mal.
Die Schieflage erreicht den Fußballplatz
Zurück in der Gegenwart moniert Rubén Baraja, Valencias vierzehnter Coach in den letzten zehn Jahren, sein Team sei gegen Atlético nicht wie eine Mannschaft aufgetreten und habe Tugenden vermissen lassen, die es gerade erst (Im vorigen Heimspiel gegen CA Osasuna siegte Valencia mit 1:0, Anm. d. Red.) für sich gewonnen hatte. Tatsächlich ist unter Baraja, der Anfang des Jahres Gennaro Gattuso auf der Trainerbank ablöste, ein leichter Aufwärtstrend zu erkennen gewesen. Im heimischen Mestalla holten die Blanquinegros zwei wichtige Dreier, während die Auswärtspartien verloren gingen, die Gegner aber auch FC Barcelona und Atlético Madrid hießen.
Und doch, unabhängig von Formkurven im Abstiegskampf, steht der FC Valencia mit 26 Zählern aus 26 Partien vor einem dunklen Abgrund. Wer Anfang der 2010er-Jahre glaubte, der tragische Höhepunkt sei durch den Schuldenberg und all die verlorenen Leistungsträger erreicht, irrte. Im Jahr 2023 ist die finanzielle Schieflage des Klubs, der lediglich 1986/87 eine Saison zweitklassig spielte, endgültig auf dem Platz angekommen.