Peinliche Scheidung – 11FREUNDE

Es war einmal eine Zeit, da regierte über Deutsch­land noch ein Kaiser. Der war sehr streng und mochte keine Neue­rungen. Er wollte seine Unter­tanen kör­per­lich züch­tigen, denn ein großer Krieg stand bevor. Auf dem Schlacht­feld sollte sein Reich siegen. Des­halb sollten seine Unter­tanen dem Turnen frönen, um die Körper für den großen Krieg zu ertüch­tigen. Doch da kam von einer Insel eine völlig neue Lei­bes­übung, die vor allem Spaß bringen sollte. Ein Ball musste mit dem Fuß in ein Tor beför­dert werden, das Spiel stand im Vor­der­grund und nicht die Vor­be­rei­tung auf den Krieg. Das erzürnte die Anhänger des Kai­sers und sie taten das neue Spiel als ​Fuß­lüm­melei“ und ​eng­li­sche Krank­heit“ ab. Doch das Spiel wurde immer beliebter und bald wollte die Jugend öfter mit dem Ball spielen, als ihre Fähig­keiten an Barren oder Reck aus­zu­bauen. Das miss­fiel den Tur­nern. Als der große Krieg ver­loren ging, gab es nun keinen Kaiser mehr. Die Turner wurden immer nei­di­scher auf die Fuß­baller und so kam es, dass beide getrennte Wege gingen…

Rivalen um die Jugend

Der Beginn des Fuß­ball­sports in Deutsch­land lässt sich gut als Mär­chen erzählen – auch wenn die Bedin­gungen im deut­schen Kai­ser­reich alles andere als mär­chen­haft waren. Damals waren Drill und eine klare, mili­tä­risch geprägte Hier­ar­chie an der Tages­ord­nung. Die bis heute hoch­ge­hal­tenen ​deut­schen Tugenden“ wie Pünkt­lich­keit, Fleiß oder Dis­zi­plin waren als mora­li­scher Kom­pass all­ge­gen­wärtig und wurden selbst Schul­kin­dern mit dem Rohr­stock im wahrsten Sinne des Wortes ein­ge­prü­gelt. Als sport­liche Ver­kör­pe­rung dessen galt das von Fried­rich Ludwig Jahn 1810 ent­wi­ckelte Turnen. Der ​Turn­vater“ hatte im zer­split­terten Deutsch­land eine dezi­diert natio­na­lis­ti­sche Gesin­nung und war stark von der Beset­zung des Rei­ches durch Napo­leon geprägt. Die Ent­schei­dung zur Zukunft Deutsch­lands sah er auf dem Schlacht­feld gegen den alten ​Erb­feind“ Frank­reich und wollte die Jugend zur Vor­be­rei­tung kör­per­lich ertüch­tigen.

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Trotz zwei­fel­hafter Mei­nungen bis heute geehrt: ​Turn­vater“ Fried­rich Ludwig Jahn.

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Jahn ent­wi­ckelte die klas­si­schen Geräte des Tur­nens wie Reck und Barren und rief eine Turn­be­we­gung ins Leben – bei der Juden explizit aus­ge­schlossen wurden. Es war der Beginn des indus­tri­ellen Kapi­ta­lismus in Deutsch­land. Die Land­flucht in die indus­tria­li­sierten Städte nahm zu, ein Arbeitstag dau­erte gut und gerne 15 Stunden unter här­testen Bedin­gungen. Die Lebens- und Arbeits­ver­hält­nisse waren so schlecht, dass die Lebens­er­war­tung bei der Reichs­ei­ni­gung 1871 bei durch­schnitt­lich 35 Jahren lag. Sport als Frei­zeit­tä­tig­keit für die breite Masse? Undenkbar! So gewann das neu­ar­tige Turnen vor allem bei den pri­vi­le­gier­teren Stu­denten – die in der über­wie­genden Zahl deutsch-national ein­ge­stellt waren – an Beliebt­heit. Es blieb auf­grund der Ansichten des ​Turn­va­ters“ auch nach dem Zusam­men­bruch des Kai­ser­reichs und in der Wei­marer Repu­blik ein Boll­werk des Kon­ser­va­ti­vismus, Anti­se­mi­tismus und der deutsch-natio­nalen Gesin­nung. Neben der poli­ti­schen Aus­rich­tung unter­schied das Turnen noch etwas anderes ganz aus­drück­lich vom heu­tigen Sport: Es sollte kei­nerlei Wett­kampf­cha­rakter haben, son­dern ledig­lich der kör­per­li­chen und geis­tigen Ertüch­ti­gung dienen. Die Turn­be­we­gung hatte oft­mals den Cha­rakter einer Bur­schen­schaft und arbei­tete mit diesen auch eng zusammen.

Fuß­ball als Gegen­satz zum Turnen

Fünfzig Jahre nach der Erfin­dung des Tur­nens ent­stand in Eng­land in der Mitte des 19. Jahr­hun­derts der Fuß­ball. Dieser war im Gegen­satz zum deut­schen Turnen von Anfang an viel weniger poli­tisch auf­ge­laden. Es ent­wi­ckelte sich als Spiel von Schü­lern auf dem Pau­senhof und wurde später mit eigenen Regeln ver­sehen. 1860 grün­deten sich die ersten Klubs Shef­field FC und Hallam FC, drei Jahre später ent­stand die Foot­ball Asso­cia­tion. Kurz darauf trug diese die erste Meis­ter­schaften aus. In Deutsch­land kam der Fuß­ball um 1873/74 erst­malig an und war zu Beginn ein Spiel des kos­mo­po­li­tisch ori­en­tierten Bür­ger­tums. Damit stand er ideo­lo­gisch in scharfem Gegen­satz zum deutsch-national geprägten Turnen. Mit der Zeit wan­delte sich der Fuß­ball von einem Spiel einiger Gym­na­si­asten zu einer eigen­stän­digen Sportart mit eigenen, zumeist aus Eng­land über­nom­menen, Regeln. 

Es sollte den­noch fast dreißig Jahre, bis 1900, dauern, bis sich die ver­schie­denen lose über Deutsch­land ver­streuten Ver­eine zum Deut­schen Fuß­ball-Bund zusam­men­schlossen. Der Grün­dungs­ver­samm­lung in Leipzig wohnten über­wie­gend jugend­liche Gym­na­si­asten und Stu­denten bei, die zwar offen für den neuen eng­li­schen Sport, jedoch selbst vom Grund­tenor der Gesell­schaft geprägt waren. Es war die Zeit, als Kaiser Wil­helm II. von Deutsch­lands ​Platz an der Sonne“ fabu­lierte und der Matro­sen­anzug das belieb­teste Klei­dungs­stück der Klein­kinder wurde. Der Schrift­steller und Zeit­zeuge Walter Flex beschrieb die Ein­stel­lung der Unter­tanen zum Deut­schen Reich: ​Wer auf die deut­sche Fahne schwört, hat nichts mehr, was ihm selber gehört.“ In solch einem Umfeld war des­halb auch beim DFB auf seiner Grün­dungs­ver­samm­lung klar, dass ​eng­li­sche Spiel­aus­drücke aus­ge­merzt werden müssen“. So spricht man in Deutsch­land bis heute von einem Elf­meter statt einem Penalty, wäh­rend es in der deutsch­spra­chigen Schweiz genau anders­herum ist.

Fussluemmelei

Mit Schmäh­pla­katen wie diesem hatte der neu­ar­tige Fuß­ball­sport in seiner Anfangs­zeit von­seiten der Turner häufig zu kämpfen.

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