Eines der beliebtesten rhetorischen Mittel des TV-Experten Mehmet Scholl ist der Jeremies-Konjunktiv. Der geht ungefähr so: „Das sieht ja ganz nett aus, was Spieler xy da auf den Rasen zaubert, aber wenn der Jens Jeremies jetzt noch spielen würde, der hätte ihm aber ordentlich, also da hätte er nicht lange Freude an seinem Gefummel gehabt. Da wäre spätestens nach dem zweiten Übersteiger die Grätsche geflogen gekommen.“
Und er hat ja Recht, der Mehmet. Jens Jeremies spielte nicht einfach nur Fußball — Jens Jeremies kämpfte Fußball. Auch wenn er nicht gerade der beste Freund des Balles war, so liebte er das Spielgerät doch auf seine ganz eigenen Weise. Immer frei nach der unumstösslichen Wahrheit Giovanni Trapattonis: „Es gibt nur einen Ball. Wenn der Gegner ihn hat, muss man sich fragen: Warum?“
Keine leichte Zeit
Die Entschlossenheit, mit der Jeremies auf Ball und Gegner Jagd machte, hatte immer auch etwas kindlich-trotziges: Das ist MEIN Ball! Gib ihn wieder her! Und weil es in der Natur des Spiels liegt, dass der Gegner den Ball eben nicht einfach so hergibt, hat er sich ihn einfach geholt, dieser Jens Jeremies. Immer und immer wieder.
Angefangen hatte es mit Vater Günter, von dem es heißt, er sei ein gefürchteter Stürmer beim DDR-Zweitligisten Motor Görlitz gewesen. Der heimische Garten wurde zum Trainingslager. Im Alter von zwölf Jahren dann zog es Sohn Jens ins 100 Kilometer entfernte Dresden; die legendäre Kinder- und Jugendsportschule von Dynamo rief. Keine leichte Zeit: „Ein Teil der persönlichen Entwicklung blieb auf der Strecke. Es hat mich Kindheit und Jugend gekostet“, so Jeremies später.
Wie die Vorahnung eines Propheten
Der Preis ist hoch, doch er zahlt sich aus. Unter seinem Förderer Ralf Minge absolvierte Jeremies im April 1995 sein Bundesliga-Debüt gegen den TSV 1860 München. Und hinterließ sofort bleibenden Eindruck. Noch im selben Sommer wechselte er zu den Löwen. Der Rest ist Geschichte.
Acht Jahre spielte er schließlich bei den Bayern, wurde dort sechs Mal Meister, vier Mal DFB-Pokalsieger. Er gewann die Champions League, schoss im Halbfinale von 2001 das entscheidende Tor gegen Real Madrid. Dazu kamen 55 Länderspiele, zwei WM- und zwei EM-Teilnahmen. Und all das ohne je in Gefahr zu geraten, die Geradlinigkeit zu verlieren.
Jeremies stand für seine Überzeugungen ein: „Ich hatte erwartet, dass Leute sagen, was sie denken. Aber so ist es: Du kannst wählen zwischen deiner Ruhe und der Wahrheit.“ Unvergessen bleibt die brachial-offene Kritik am Zustand der Nationalmannschaft kurz vor der Europameisterschaft 2000. In „jämmerlichem Zustand“, sei Deutschlands Eliteauswahl. Im Rückblick liest sich das wie die Vorahnung eines Propheten.