Gegen den guten Geschmack
Der Text erschien Anfang 2016 im 11FREUNDE SPEZIAL „Erzrivalen“ mit diesem Vorspann: „Miloslav Penner gegen den guten Geschmack: In den Neunzigern zwang der Tscheche den Mainstream der Frisurenmode mit seiner irren Haarskulptur in die Knie.“ Am 31. Januar 2020 verstarb Penner im Alter von nur 47 Jahren.
Auf Mike Werner konnte man früher ein wenig neidisch sein, zumindest wenn man schon mit Mitte 20 erkennen musste, dass das eigene Haarmaterial nicht mal mehr für einen Klappscheitel reichte. Beim Rostocker wehte die Frisur im Wind, wenn er über den Platz grätschte, und die Fans ahnten dass er, wenn er nicht bei Hansa gespielt hätte, Gitarrist von Mötley Crüe geworden wäre. Als 11FREUNDE ihn in einem Interview nach seinem spektakulären Vokuhila fragte, sagte er: „Sah doch gut aus!“ Und schob nach: „Die Spieler aus dem Osten visualisierten mit solchen Frisuren eine rebellische Haltung zum gleichförmigen DDR-Staat.“
Werner war natürlich nicht der einzige Fußballprofi, der seine Haare in den Achtzigern und Neunzigern zu einem Kunstwerk modellierte. Es schien sogar einen echten Wettstreit zwischen den Profis zu geben. Präsentierte der eine am Spieltag einen Tigerkopf im Haar, zeigte der nächste in der Woche darauf grüne Rastazöpfe, bis ein dritter mit dem perfekten Minipli konterte. 2007 stellte 11FREUNDE ein Frisurenranking auf, in dem Michael Eggert mit seinem riesenhaften Lockenschopf, in dem er einen Kleinwagen verstecken konnte, den ersten Platz belegte. Der ehemalige Bochumer war aber nicht erbost über den Ausgang der Wahl, im Gegenteil: Er schrieb uns einen Brief, in dem er sich herzlich für die Auszeichnung bedankte.
Michael Eggert bedankte sich für den ersten Platz im 11FREUNDE-Frisurenranking.
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Es ist nicht bekannt, ob Eggert und die anderen Prinzen von Bel-Hair den Ehrgeiz bei Miloslav Penner weckten, nach der Krone zu greifen. Jedenfalls tauchte wenige Wochen nach Eggerts Sieg ein Bild jenes bis dato recht unbekannten tschechischen Verteidigers im Internet auf, das alles Dagewesene in den Schatten stellte: die Softerotikdarsteller-Frisuren aus den Achtzigern (Ralf Falkenmeyer, Gernot Alms) oder die wilden Farbflechtkreationen der Neunziger (Abel Xavier, Taribo West). Selbst über Kevin Kampls Miley-Cyrus-Imitation würde Penner heute nur schmunzeln.
„I came in like a wrecking ball“ – Miley Cirus singt vor einem Europa-League-Spiel ihren neuesten Hit.
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Nie zuvor und nie danach gestaltete ein Profi seine Haare mit einer solch wilden Entschlossenheit wie dieser Abwehrrecke. Es war der ultimative und der dringlichste Vokuhila, den man je gesehen hatte. Das Bild verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Miloslav Penner, der trotz einer respektablen Karriere in Tschechien nie internationale Prominenz erlangte, war plötzlich der König der Fußballblogs und Frisurenrankings. „Es ist zu schön, um wahr zu sein!“, schrieben sie. Oder: „Stil hat einen Namen!“
Wir brauchten Jahre, um diesen Mann ausfindig zu machen – niemand hatte seine Nummer, niemand kannte seinen Wohnort. Erst im Sommer 2015 bekamen wir einen Tipp, wenig später hatten wir Penner endlich an der Strippe.