Ein WM-Qualifikationsspiel zwischen Gibraltar und Norwegen sorgt normalerweise nicht für internationales Aufsehen. Doch am Mittwochabend, dem 24.03.2021, war es anders: Vor Spielbeginn stellte sich die norwegische Elf in weißen T‑Shirts mit dem Aufdruck „Human Rights – On an off the pitch“ auf. Stars wie Erling Haaland, Martin Ødegaard und Alexander Sørloth mit politischen Botschaften – eine Seltenheit.
„Es ist wichtig und bewundernswert, dass die Fußballwelt ihre Aufmerksamkeit der Verbesserung der Meschenrechte in Katar und in der ganzen Welt widmet“, sagt Sven Mollekleiv gegenüber der norwegischen Tageszeitung VG. Er ist Vorsitzender des kürzlich vom norwegischen Fußballverband ernannten Katar-Gremiums in Norwegen, das im Juni eine Entscheidung über die Boykottfrage und andere Maßnahmen zur Verbesserung der Bedingungen der Gastarbeiter im Golfstaat treffen soll. (Wie es dazu kam, lest ihr hier)
Viel Aufmerksamkeit um nichts?
Die Aktion sorgte international für Überschriften: Der Spiegel, der Guardian, Sky Deutschland und ESPN berichteten alle über das Vorgehen. Doch nicht alle sind überzeugt, wie etwa Ex-Bundesliga-Profi Kjetil Rekdal: „Ich glaube nicht, dass die FIFA deshalb Angst bekommt“, so der 52-Jährige im Gespräch beim norwegischen Fernsehsender VGTV.
Schweiz und Österreich, Südafrika, Polen und Ukraine, Brasilien, Frankreich und Russland: Europa- und Weltmeisterschaften mussten die norwegischen Nationalspieler in den vergangenen Jahrzehnten immer von der Couch aus verfolgen. Nun ist die Hoffnung eigentlich groß, dass das Team um die Stars Haaland, Ødegaard und Sørloth erstmals seit 2000 wieder auf der großen Bühne vertreten sein könnte. „Als Spieler willst du natürlich immer spielen, wenn du dich für die WM qualifizierst“, sagt zum Beispiel der ehemalige Liverpool-Profi John Arne Riise, der ebenfalls an der Diskussion beim VGTV teilnahm. Doch er sagt auch: Ob Boykott oder etwas anderes, die Spieler müssten zumindest ein Zeichen setzen, dass sie das Engagement in der Heimat unterstützen.
„Einzigartige Möglichkeit, die Aufmersamkeit auf die Menschenrechtsverletzungen in Katar zu lenken“
Amnesty International Norwegen
Auf dem Rasen überzeugten die Norweger am Mittwoch nicht wirklich, holte aber mit einem 3:0‑Sieg drei Punkte. Die Botschaft vor dem Spiel sorgte trotzdem für viel Lob. Mollekleiv erläutert gegenüber der VG: „Die Zeit von der gestrigen Demonstration bis hin zu konkreten Ergebnissen wird viel wichtiger sein, aber dass die Spieler ihre und die Werte des Fußballs auf die Agenda setzen, verdient Respekt“.
Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International, die die Arbeitsbedingungen in Katar schon lange kritisiert und die sich für den Dialog mit dem Emirat einsetzt, lobte die Aktion ebenfalls: „Wunderbar zu sehen, wie die norwegische Nationalmannschaft ein Zeichen gegen Menschenrechtsverletzungen setzt. Die WM-Qualifikation ist eine einzigartige Möglichkeit, das Thema auf die Agenda zu setzen“, schrieb der norwegische Ableger der Organisation auf Englisch auf Twitter. Mehrere Mannschaften, so Amnesty International weiter, sollten sich der Aktion anschließen.
Was zumindest eine Mannschaft auch direkt tat: Vor leeren Rängen in Duisburg stellte sich die deutsche Elf beim Spiel gegen Island in schwarzen T‑Shirts mit weißen Buchstaben auf. Zusammen bildeten sie die Botschaft „Human Rights“. Obgleich die Reaktionen in der Bundesrepublik erstmal gemischt ausfielen – die Aktion der Norweger hat offenbar etwas in Bewegung gesetzt.