Die letzte Bastion – 11FREUNDE

Frei nach den ​Asterix“-Autoren Gos­cinny und Uderzo: Wir befinden uns im Jahre 2022 n.Chr. Ganz Fuß­ball-Europa ist von den VARö­mern besetzt. Ganz Fuß­ball-Europa? Nein. Ein von unbeug­samen Nord­lich­tern bevöl­kertes Land hört nicht auf, dem Ein­dring­ling Wider­stand zu leisten.

Wäh­rend sich 30 der 31 erfolg­reichsten Ligen des Kon­ti­nents dem Druck von UEFA und FIFA gebeugt und den Video Assistant Referee (VAR) ein­ge­führt haben, wird dieses wun­der­schöne Spiel in der schwe­di­schen ​All­s­venskan“ noch immer so betrieben, wie es überall gespielt werden sollte: mit klaren ein­fa­chen Regeln, mit Schieds­rich­tern aus Fleisch und Blut; ohne minu­ten­lange Unter­bre­chungen, an deren Ende allzu oft völlig ver­we­gene Ent­schei­dungen stehen, die kein Mensch ver­steht.

Doch auch das wun­der­schöne Schweden, die letzte Bas­tion des freien Fuß­balls, ist in Gefahr. Im kom­menden Jahr sollen ins­ge­samt 45 Dele­gierte des natio­nalen Ver­bandes SvFF, der Regio­nal­ver­bände und der Profi-Klubs über eine mög­liche Ein­füh­rung des VAR befinden. Dieses reprä­sen­ta­tive Gre­mium trifft sich in der Regel einmal im Jahr, um über die drän­gendsten Fragen des Fuß­balls zu dis­ku­tieren und abzu­stimmen. Zuletzt tagten die Dele­gierten am 25. November, das nächste Treffen ist für Ende 2023 anbe­raumt.

Ja oder Nein zum VAR im schwe­di­schen Fuß­ball?“

Dazwi­schen aber dürfte es noch eine außer­or­dent­liche Zusam­men­kunft geben. Der ein­zige Tages­ord­nungs­punkt: Ein­füh­rung des VAR in der All­s­venskan – ja oder nein?

Die gute Nach­richt für die Schweden und den Fuß­ball: Es gibt noch Hoff­nung. Und die scheint sogar berech­tigt, wie die süd­schwe­di­sche Zei­tung Expressen in einer deli­katen Umfrage ermit­teln konnte. Das Blatt hatte allen oben genannten 45 Dele­gierten eine ein­fache Frage zukommen lassen: ​Wenn es heute eine Abstim­mung gegeben hätte über die Ein­füh­rung des VAR im schwe­di­schen Fuß­ball – hätten Sie dann dafür oder dagegen gestimmt? Mit anderen Worten: Ja oder Nein zum VAR im schwe­di­schen Fuß­ball?“

Von den 24 Ver­tre­tern der Regio­nal­ver­bände, die das Blatt um eine Ten­denz gebeten hatte, ant­wor­teten laut Expressenfast 20“. Einige hätten dem­nach ange­geben, sich noch nicht sicher zu sein. Andere ten­dierten zu einem klaren Nein. Beson­ders bemer­kens­wert aber ist: Keiner der Kon­tak­tierten bekannte sich zu einem Ja. Einzig Claes Ohlsson, Regio­nal­ver­bands-Boss aus der süd­schwe­di­schen Pro­vinz Schonen, erklärte, dem VAR ​vor­sichtig positiv“ gegen­über zu stehen.

Auch von den sechs Dele­gierten des schwe­di­schen Frauen-Pro­fi­fuß­balls erhielt Expressen kein ein­ziges ​Ja“ als Ant­wort. Was die Abge­sandten des Männer-Pro­fi­fuß­balls (acht Dele­gierten-Stimmen) angeht, sei die Sach­lage ohnehin sehr ein­deutig, berichtet die Zei­tung: Die klare Mehr­heit der All­s­venskan-Ver­eine ist strikt gegen den VAR. Zehn der 16 Erst­li­gisten der abge­lau­fenen Saison 2022 führen dies­be­züg­lich sogar ein ent­spre­chendes Votum ihrer jewei­ligen Mit­glieder an – und das ist nach schwe­di­schem Ver­eins­recht bin­dend.

Der VAR im schwe­di­schen Fuß­ball wäre eine Kata­strophe“

Zusätz­lich betonte auch der Vor­sit­zende des Liga­ver­bands SEF, Simon Aström, dass ​wir die Ein­füh­rung des VAR nicht befür­worten. Wenn Sie also die wahr­schein­liche Ant­wort von uns als Grup­pie­rung hören wollen, wäre dies ein Nein.“ Blieben noch die sieben Dele­gierten des natio­nalen Ver­bandes SvFF. Die legen eine prag­ma­ti­sche Hal­tung an den Tag: Gerade in Bezug auf den VAR würden ​die Ansichten der Top­klubs beson­ders schwer wiegen und rich­tungs­wei­send sein“, erklärte SvFF-Vor­stands­mit­glied Annika Grälls. Mit anderen Worten: Die Ver­bands­spitze stärkt den VAR-Geg­nern den Rücken.

Ein­ge­denk all dieser Ant­worten stellte Expressen eine (nicht ganz unbe­rech­tigte) rhe­to­ri­sche Frage: ​Wozu über­haupt noch abstimmen, wenn die Ver­hält­nisse doch so klar sind?“ Zumal schwe­di­sche Funk­tio­näre gemeinhin als wenig anfällig für Kor­rup­tion gelten – als gut gefeit gegen even­tu­elle Ver­suche der mil­li­ar­den­schweren VAR-Tech­no­logie-Her­steller und ihrer Lob­by­isten, das Stim­mungs­bild zu ver­än­dern.

Und so macht sich bei den schwe­di­schen Fans, den glück­li­chen, so etwas wie vor­sich­tige Erleich­te­rung breit: ​Der VAR im schwe­di­schen Fuß­ball wäre eine Kata­strophe, ein Alb­traum“, sagte Isak Edén, Vor­sit­zender der Schwe­di­schen Fan-Ver­ei­ni­gung SFSU, gegen­über Expressen. Doch Edén weiß auch, dass UEFA und FIFA die Ein­füh­rung des VAR letzt­lich erzwingen könnten. Des­halb betont er nochmal seinen Stand­punkt und den der aller­meisten Fuß­ball-Anhänger im Land: ​Selbst wenn der VAR zu 100 Pro­zent per­fekt funk­tio­nieren würde, ist er immer noch ein Ein­griff in die Natur des Fuß­balls.“

Und Ein­griffe in die Natur sind nun mal schäd­lich.

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