„Ich lebe in zwei Welten“

Jetzt ist auch noch Man­chester United an Ilkay Gün­dogan inter­es­siert. Doch Nürn­bergs Jung­star hat keine Zeit zum Abheben: Wäh­rend seine Kol­legen die Fei­er­tage genießen konnten, musste sich Gün­dogan zwi­schen­durch mit Mathe, Eng­lisch und Co. beschäf­tigen. Im März 2011 stehen schließ­lich die Abitur­prü­fungen in der Nürn­berger Bert­holt-Brecht-Schule an. Warum er den Stress gerne auf sich nimmt, verrät der deut­sche U21-Natio­nal­spieler im Inter­view mit 11FREUNDE.

Ilkay Gün­dogan, sind Sie ein unge­wöhn­li­cher Profi?

Es passt nicht zu mir, den großen Macker raus­hängen zu lassen. Ich weiß, wo ich her­komme. Ich stamme aus ein­fa­chen Ver­hält­nissen, das brauche ich nicht zu leugnen. Aber ich bin stolz darauf und will nicht etwas vor­spielen, das ich gar nicht bin. Bis­lang ist es mir sehr gut gelungen, ich selbst zu bleiben. Ich denke, dass das auch der Schlüssel zum Erfolg ist.

Als Acht­jäh­riger mussten Sie Schalke nach nur einer Saison ver­lassen. Hat Sie das geprägt?

Gerade weil ich so jung war, hat mich das noch härter getroffen. Es war ein großer Traum für Schalke spielen zu dürfen. Dass der so schnell wieder vorbei sein sollte, war nicht leicht zu ver­kraften.

Was war der Grund für den Abgang?

Ich hatte wachs­tums­be­dingt an beiden Seiten Pro­bleme mit der Achil­les­sehne. In der Rück­runde hatte ich des­wegen abso­lutes Sport­verbot. Da war es klar, dass ich keine Chance mehr bekommen würde.

Haben Sie dar­aufhin ganz bewusst sechs Spiel­zeiten beim SV Hessler 06 und dem SSV Buer ver­bracht, ehe Sie erneut den Schritt zu einem Pro­fi­klub wagten?

Ja. Mit 13 hatte ich noch einmal ein Angebot von Schalke, aber ich habe mich nicht getraut. Ich hatte Angst, wieder ent­täuscht zu werden. Zum Glück habe ich zwei Jahre später beim VfL Bochum noch einmal die Chance bekommen.

Warum hat es beim VfL nicht mit dem ganz großen Durch­bruch geklappt?

Ich durfte in meinem ersten A‑Jugendjahr mit den Profis ins Win­ter­trai­nings­lager reisen. Da hatte ich Blut geleckt und wollte mehr. Dieses mehr kam aber nicht. Ich hatte nie das Gefühl, dass ich meine Mög­lich­keit bekommen würde, zumin­dest nicht so früh.

Woran lag das?

Das war in den letzten Jahren viel­leicht ein grund­le­gendes Pro­blem der Bochumer: Sie haben Jugend­spie­lern nicht früh­zeitig die Chance gegeben, sich in die Mann­schaft zu spielen und sich zu ent­wi­ckeln. Wenn man erst mit 23 oder 24 rein­ge­worfen wird, macht es nicht mehr so viel Sinn. Das hat dazu geführt, dass ich mich ver­än­dern wollte.

Welche Rolle spielte Michael Oen­ning?

Als ich in die Bochumer U19 kam, wurde er als neuer Jugend­c­hef­trainer vor­ge­stellt. Er ist ein Mensch, an dem ich mich ori­en­tiert habe und der ein Stück weit auch ein Vor­bild war. Ehr­lich gesagt, hat er eine Vater­rolle ein­ge­nommen. Er spielt eine sehr wich­tige Rolle in meiner Kar­riere. Und als er mich nach Nürn­berg holen wollte, musste ich nicht lange über­legen.

Auch des­halb, weil der FCN Ihnen die Dop­pel­rolle als Profi und Schüler zuge­standen hat?

Ja, das war der Haupt­grund für den Wechsel. Ich will unbe­dingt mein Abitur machen. Wenn ich die Mög­lich­keit nicht bekommen hätte, weiß ich nicht, ob ich es gemacht hätte. Es ist ja schließ­lich ein großer Schritt für einen 18-Jäh­rigen, alleine in eine fremde Stadt zu ziehen. Die ver­gan­genen zwei Jahre haben aber gezeigt, dass ich alles richtig gemacht habe.

Und das, obwohl Sie die zwölfte Klasse wie­der­holen mussten?

Der Schul­wechsel wurde im Winter voll­zogen. Da wurde mir geraten, dass ich mich erstmal ein halbes Jahr ein­ge­wöhne. Das hat mir ganz gut getan, weil der Wechsel von Nord­rhein-West­falen nach Bayern doch schon eine Umstel­lung ist.

Warum wollen Sie die Schule unbe­dingt zu Ende machen?

Ich habe von meinen Eltern mit­be­kommen, dass eine gute Bil­dung wichtig ist. Sie mussten früh anfangen zu arbeiten und hatten nicht die Mög­lich­keiten, die ich jetzt habe. Des­wegen war für mich immer klar, dass ich das Abi machen möchte. Ich wollte etwas haben, das andere Leute aner­kennen.

Im März und April stehen die Abitur­prü­fungen auf dem Pro­gramm. Wie gehen Sie mit der Viel­fach-Belas­tung um?

Die nächsten zwei, drei Monate werden ziem­lich anstren­gend sein. Es ist nicht leicht, wenn man früh­mor­gens vor dem Trai­ning eine Klausur schreibt, dann zwei Ein­heiten hat und zwi­schen­durch noch mal in die Schule muss.

Sind Sie mit­unter über­for­dert?

Nein. Ich nehme mir durchaus Phasen zum ent­spannen. Unter Dau­er­druck kann man schließ­lich nicht arbeiten. Und genau genommen sehe ich die Schule nicht als Belas­tung, son­dern als Abwechs­lung zum Fuß­ball.

Das müssen Sie genauer erklären.

Beim Fuß­ball schauen alle auf mich, ich stehe im Mit­tel­punkt. Da muss man auf­passen, was man macht und was man sagt. In der Schule ist alles ein biss­chen nor­maler, da fühle ich mich nicht als Star, son­dern als nor­maler Mensch. Das holt mich ein biss­chen runter.

Werden Sie die Schule ver­missen?

Ich habe sie schätzen gelernt. In meinem Leben spielen sich zwei Welten ab: Die eine mit Ruhm und Glanz, aber auch nega­tiven Seiten, die andere als nor­maler Schüler. Was nach dem Abi sein wird, weiß ich noch nicht.

Kommt danach ein Stu­dium für Sie in Frage?

Nein, erstmal nicht. Ich möchte schauen, wie es ist, nur Pro­fi­fuß­baller zu sein und nichts nebenbei zu machen. Wenn ich irgend­wann merke, dass mir etwas fehlt, werde ich dar­über nach­denken, wie ich die Lücke fülle.

Gibt es Par­al­lelen zwi­schen Intel­li­genz und Spiel­in­tel­li­genz?

Ich denke schon, dass man sich außer­halb des Fuß­balls bilden sollte und dass das auch einen Ein­fluss auf die Leis­tung auf dem Platz haben könnte.

Inwie­fern ist der Fuß­ball eine Kopf­sache?

Das ist der Grund, warum viele auf der Strecke bleiben: Talent ist das eine, das andere ist die Stärke im Kopf. Es geht um den unbe­dingten Willen, zu arbeiten und alles für sein Ziel zu geben. Das ist der Grund, warum ich es gepackt habe.

Mitt­ler­weile werden Sie sogar mit Man­chester United in Ver­bin­dung gebracht.

Es über­rascht mich immer wieder, was von außen alles auf mich ein­pras­selt. Als 20-Jäh­riger ist es nicht leicht, mit dieser Situa­tion umzu­gehen. Ich ver­suche, mich nicht damit zu beschäf­tigen und weiter meine Leis­tung zu bringen. Ich denke, dass ich irgend­wann dafür belohnt werde. Wichtig ist, dass man die Kar­riere Schritt für Schritt angeht und sich nicht von Rand­ge­schichten in seiner Ent­wick­lung stoppen lässt.

Ist die Zeit für den nächsten Schritt schon im Sommer gekommen?

Ich weiß es selbst noch nicht. Dar­über habe ich mir noch keine Gedanken gemacht. Ich habe Nürn­berg eine Menge zu ver­danken. Beim FCN bin ich schließ­lich zum Bun­des­li­ga­spieler gereift.

Könnte es ein bal­diges Wie­der­sehen mit Michael Oen­ning geben, der mitt­ler­weile als Co-Trainer beim Ham­burger SV arbeitet?

Als wir in Bochum aus­ein­ander gegangen sind, haben wir gesagt, dass man sich immer zwei Mal im Leben sieht. In Nürn­berg war es das zweite Mal. Ob es irgend­wann ein drittes Mal geben wird, muss man abwarten. Ich würde mich freuen, aber es spielt erstmal keine Rolle für mich.

Sie sind deut­scher U21-Natio­nal­spieler. Würden Sie sich im Zwei­fels­fall auch für die deut­sche A‑Nationalmannschaft ent­scheiden?

Wieso Zwei­fels­fall? Seitdem ich bei der DFB-Aus­wahl ange­fangen habe, habe ich gesagt, dass sie für mich oberste Prio­rität besitzt. Mein Ziel ist es, mich in der deut­schen A‑Nationalmannschaft durch­zu­setzen. Dabei bleibt es, auch wenn es viele Abwer­bungs­ver­suche der Türkei gibt.

Nervt Sie die Frage, als was Sie sich fühlen?

Nein, ich habe ja immer eine gute Ant­wort darauf. Ich fühle mich als Deutsch-Türke. Ich bin einer­seits stolz auf das Hei­mat­land meiner Eltern, ande­rer­seits habe ich die deut­sche Men­ta­lität ange­nommen.

Das ist Ilkay Gün­dogan
Ilkay Gün­dogan (* 24. Oktober 1990 in Gel­sen­kir­chen) lan­dete über die Sta­tionen SV Hessler 06 (1993−98, 1999 – 2004), Schalke 04 (1998÷99), SSV Buer (2004÷05) und VfL Bochum (2005−09) vor zwei Jahren beim 1. FC Nürn­berg. Für den Club absol­vierte der Mit­tel­feld­spieler 38 Bun­des­li­ga­ein­sätze (5 Tore) und eine Zweit­li­ga­partie. Dabei reifte er zum deut­schen U21-Natio­nal­spieler und weckt Begehr­lich­keiten bei zahl­rei­chen Top­ver­einen.

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