Macht den Laden endlich zu!

Tau­send Bilder geis­tern in diesen Tagen in meinem Kopf herum. Mein erstes Spiel von Union Solingen im Jahr 2000: 8500 Zuschauer beim Rele­ga­ti­ons­spiel um den Ver­bands­liga-Auf­stieg gegen TuRu Düs­sel­dorf. Wahn­sinn. Der Ober­liga-Auf­stieg 2002, als ich nach dem 3:1 bei Bayer Wup­pertal auf den Rasen rannte und meinen blau-gelben Helden Rafaele Api­cella umarmte. Die Tränen in den Augen nach dem 1:8 beim Wup­per­taler SV. Die Abwehr­schlacht beim 0:0 bei der großen For­tuna aus Düs­sel­dorf. Aus­wärts­siege in Bocholt, Frei­al­den­hoven und Straelen in den Ober­liga-Jahren von 2002 bis 2007.

Meine Freunde gingen stets ins West­fa­len­sta­dion oder die BayA­rena, ich fühlte mich nir­gends so wohl wie im Sta­dion am Her­mann-Löns Weg mit den knar­zenden Plas­tik­bänken auf der Tri­büne und dem Unkraut auf den Stehr­ängen. Meine Stars hießen nicht Ewerthon und Michael Bal­lack, son­dern Andreas Kusel und Sebas­tian Möller-Riepe.

Diesen neu­er­li­chen Schlag können wir aber nicht ver­dauen“

Jetzt ist es vorbei. Zum dritten Mal in den ver­gan­genen elf Jahren haben die Ver­ant­wort­li­chen des ehe­ma­ligen Zweit­li­gisten (1974 bis 1989) in der letzten Woche Insol­venz ange­meldet. 1999 und 2007 konnte das Aus noch abge­wendet werden, wenn der Laden auch diesmal nicht dicht gemacht wird, wäre das ein Wunder. Dem Nie­der­rhein­liga-Absteiger war eine For­de­rung des Finanz­amts in Höhe von 90.000 Euro an rück­stän­digen Sozi­al­ab­gaben ins Haus geflat­tert, man hatte nur mit 15.000 Euro kal­ku­liert.

Ins­ge­samt betragen die Schulden 250.000 Euro, aber bis zur neuen Nach­richt vom Finanzamt wurden die Gläu­biger in den ver­gan­genen drei Jahren plan­mäßig bedient. ​Diesen neu­er­li­chen Schlag können wir aber nicht ver­dauen“, sagt der bis­he­rige Allein-Vor­stand Torsten Pütz. Der Rest des Füh­rungs­teams hatte sich mit dubiosen Gründen schon vor ein paar Wochen ver­ab­schiedet.

Dass am Her­mann-Löns-Weg jetzt jemand mit einem großen Geld­koffer klin­gelt, damit rechnet nie­mand. Immer wieder taten sich in den ver­gan­genen Jahren neue Schul­den­berge auf, Vor­stände kamen und gehen, dar­unter Unioner mit Leib und Seele, aber auch Selbst­dar­steller, die aus dem chro­nisch klammen Verein tau­sende Euros monat­lich auf ihr Bank­konto pumpten und bis heute zu den Gläu­bi­gern gehören. Die Mit­glieder nickten es ab.

Lieber eine halbe Union als gar keine Union

Nachdem Vor­stand Pütz am ver­gan­genen Montag Insol­venz ange­meldet hatte, sah es so aus, als ob es den­noch nicht so ganz vorbei wäre mit der Union. Man wolle sich mit dem BSC zusammen tun, einem Verein aus dem Solinger Stadt­teil Auf­der­höhe, ließ Pütz in der Lokal­presse ver­lauten. Unter dem Namen ​BSC Union Solingen 2010“ werde der Verein in der kom­menden Saison in der Bezirks­liga starten und den sofor­tigen Auf­stieg anpeilen. Zwölf Union-Spieler sollten zum BSC wech­seln, dazu der sport­liche Leiter und der Chef­trainer. Ein Stück blau-gelbe Zukunft. Auch ich war skep­tisch, aber was war die Alter­na­tive? Gar keine Union mehr?

Auch wenn ich vor geraumer Zeit aus Solingen weg­ge­zogen bin und in den letzten zwei Jahren nur ein dut­zend Spiele im Sta­dion ver­folgen konnte, konnte ich mir ein Wochen­ende ohne Union-Fuß­ball nicht vor­stellen. Ich las den Live-Ticker im Internet, die Bei­träge im Fan-Forum und die Artikel in der Lokal­presse, außerdem gab’s bei You­tube zuletzt ​Uni­onS­o­lin­genTV“. Als ich von der Idee mit dem BSC hörte, dachte ich: lieber eine halbe Union als gar keine Union.

Aber der Deal ist geplatzt. Die Ver­eine schieben sich dafür gegen­seitig die Schuld zu, es geht um Intrigen, Lügen und finan­zi­elle Luft­schlösser. Klar ist nur: Einen durch­dachten Plan gab es mal wieder nicht. Am Ende hat die Union ihrem Ruf als Cha­os­verein erneut alle Ehre gemacht, und einen Cha­os­verein wird nie­mand retten. Außerdem soll das Sta­dion im kom­menden Jahr abge­rissen werden, die Stadt will es als Bau­land ver­markten. Und so rufen die Anhänger auch nicht zu Spen­den­ak­tionen auf, der Tenor ist statt­dessen: Macht den Laden end­lich zu!

März 2009: Thomas Brdaric wird sport­li­cher Leiter

Da ist es kaum vor­stellbar, dass die Union vor etwas mehr als einem Jahr noch an der Tür zur NRW-Liga klopfte, in der immerhin Tra­di­ti­ons­klubs wie For­tuna Köln, West­falia Herne und Wat­ten­scheid 09 spielen. Es herrschte wieder Fuß­ball-Euphorie in Solingen, der Kas­sen­wart freute sich stets über vier­stel­lige Zuschau­er­zahlen, die Mann­schaft domi­nierte die Liga.

Im März 2009 ver­pflich­tete die Union Ex-Natio­nal­spieler Thomas Brdaric als sport­li­chen Leiter, diese Mel­dung klang nach Pro­fes­sio­na­lität. Doch dann wurden erneut fal­sche Ent­schei­dungen getroffen: Fünf Spiele waren es im Mai nur noch bis zum Auf­stieg, als der Vor­stand Erfolgs­trainer Frank Zilles ent­ließ und Brdaric als Inte­rims­coach ein­setzte. Zilles hatte die Ver­eins­füh­rung öffent­lich kri­ti­siert, und das konnte die sich – unge­achtet der sport­li­chen Situa­tion – nicht gefallen lassen. Die Union war zu diesem Zeit­punkt Tabel­len­führer, unter der Füh­rung von Brdaric wurde der sicher geglaubte Auf­stieg ver­spielt. Brdaric machte sich dar­aufhin wieder aus dem Staub.

2011/2012 in der Kreis­liga A

Es war der Anfang vom Ende, in der ver­gan­genen Saison stieg der Verein sang- und klanglos als Tabel­len­letzter aus der Nie­der­rhein­liga ab. In der kom­menden Saison wird keine Senio­ren­mann­schaft an den Start gehen. Sobald das Insol­venz­ver­fahren eröffnet ist, wird der Klub aus dem Ver­eins­re­gister gestri­chen.

Nur ein Jahr Pause, in der Zeit wolle man sich neu auf­stellen, heißt es. Sofern der Kreis­ver­band gnädig ist, können die Blau-Gelben 2011/2012 dann in der Kreis­liga A unter einem neuen Namen neu anfangen.

Es ist ein Alb­traum, aber die Insol­venz ist das Beste für den Verein. Danach wird alles besser! Wir kommen wieder, keine Frage. Bis zur NRW-Liga sind es nur vier Jahre.

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Tim Röhn, 22, ist Volontär an der Axel Springer Aka­demie in Berlin. 11FREUNDE berich­tete über ihn als jüngsten Sta­di­on­spre­cher Deutsch­lands bei Union Solingen.

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